Von Tischen und Coronaviren

Sehen und benennen

Ein anderer Aspekt, den Barthelmess beleuchtet, betrifft die Perspektive, die wir einnehmen, wenn wir etwas betrachten.

Sei es einen Gegenstand, einen Sachverhalt, eine Aussage oder einen Gesprächspartner oder Klienten.

Wir alle haben die Fähigkeit erworben, Dinge von Nicht-Dingen zu unterscheiden. „Etwas“ vom Hintergrund.

Ganz banal: Da ist ein leerer Raum und ein Tisch und wir erkennen den Tisch und sagen: Da ist ein Tisch.

Was aber, wenn die eigentlich wichtige Unterscheidung für diesen Raum ist: Sind hier Corona-Viren oder nicht?

Dann ist das Erkennen des Tisches zwar korrekt, aber nicht zweckdienlich.

Und – leider, leider, wie schön wäre es anders – gibt es keine Brille, die uns hilft, Corona-Viren zu erkennen.

Was wir sehen und benennen, hängt also davon ab, wonach unser Blick sucht, wofür unser Blick geschärft ist und welche „Brille“ wir aufsetzen. Unsere Erfahrung, unsere Sprache und unsere Kultur prägen unseren Blick.

So gibt es im Grönländischen unzählige Wörter für Schnee, was einleuchtet, da der Schnee überall vorhanden ist und die Differenzierung hohe Bedeutung hat. Auch im Deutschen kennen wir Neuschnee, Firn, Harsch, Eis, Pulverschnee und sicher noch ein paar mehr – wobei vielleicht nicht jedes Nordlicht den Schnee in den Alpen so differenziert wird beschreiben können wie der versierte Bergführer.

Wir lernen: Unsere Erfahrung, unser persönlicher Hintergrund und zum Teil (siehe Coronavirus) auch die Grenzen unserer physischen Möglichkeiten prägen unsere Fähigkeit zu erkennen und zu benennen.

Brille putzen – oder tauschen

Wie können wir uns diese Einsicht nun im Coachingprozess nützlich machen?

Indem wir uns im ersten Schritt bewusst machen, dass wir durch eine Brille schauen. Wir hören eine Geschichte und wir denken vielleicht: „Sie ist hoch motiviert“.

Nur mal angenommen, das stimmt. Wie relevant ist es, die Geschichte mit der Brille „Motivation“ anzuhören? Wie könnte sich unsere Einschätzung der Lage, des Gesprächspartners verschieben, wenn wir die Brille „Kompetenz“ aufsetzen? Oder „Empathie“ oder „Selbstständigkeit“?

Welchen Einfluss hat die Brille, die wir aufsetzen, darauf, wie wir die Geschichte hören und auch, welche Geschichte man uns überhaupt erzählt? Und wenn wir unsere Brille tauschen und eine ganz neue Einschätzung der Lage geben: Wie wirkt das auf unseren Gesprächspartner? Welche neuen Möglichkeiten eröffnet es für ihn oder sie? Wie verändert das unsere Beziehung?

Ein Beispiel:
Sie hören von Ihrem Mitarbeiter folgenden Bericht am Abend vor einer wichtigen Präsentation:

Ich konnte leider die Präsentation für Superkunde noch nicht abschließen. Ich habe in der letzten Woche 10 Überstunden gemacht, aber weil ich die Daten von Kollege Schlunz noch nicht bekommen habe, fehlen noch wichtige Folien. Könnten Sie bei Kollege Schlunz nach den Daten fragen? Auf meine Bitten reagiert er nicht.

Motivationsbrille:

Mein Mitarbeiter ist top engagiert. 10 Überstunden -wow. Und er hat die Wichtigkeit der Präsentation im Fokus. Top. Wenn Schlunz ebenso motiviert wäre, wären wir schon weiter…

Empathiebrille:

Die Zusammenarbeit zwischen meinem Mitarbeiter und Schlunz scheint ja nicht so gut zu sein. Seltsam, dass er es nicht geschafft hat, Schlunz zur Kooperation zu bewegen. Er scheint ja auch wenig Verständnis für ihn zu haben.

Ergebnisbrille:

Am Ende zählt nur das Ergebnis. Die Präsentation muss morgen fertig sein. Ein fähiger Mitarbeiter hätte mich früher gewarnt.

Kompetenzbrille:

Seltsam, dass sich mein Mitarbeiter so auf die Daten versteift. Wir haben die sonst immer mit gezeigt, aber letztlich sind diese Daten für die Gesamtargumentation morgen verzichtbar. Nur hätte er dann die Story anders gliedern müssen.

Flexibilitätsbrille:

Die Daten liegen ja auch auf dem Server. Wenn mein Mitarbeiter sich umgeschaut hätte, hätte er doch eine Möglichkeit gefunden, sie sich zu beschaffen auch ohne die Hilfe von Schlunz.

(Weil du als Führungskraft und Mensch beteiligt bist, kommen noch ganz andere Brillen ins Spiel: Deine Angst vor Misserfolg, dein Ehrgeiz, dein Selbstverständnis als Führungskraft…- die wollen wir hier einmal außer Betracht lassen und unterstellen, du bist in dieser Hinsicht völlig gelassen.)

Überleg einmal, wie unterschiedlich deine Reaktion auf den Bericht ausfallen wird, je nachdem welche Brille du aufsetzt. Die Brillen schließen einander nicht unbedingt aus.

Es geht nicht darum, welche Brille die richtige ist. Frag mal deinen Mitarbeiter nach seiner Brille. Schlag ihm, wenn du magst, dann deine Brille vor.

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