Reflexionen zu „Die systemische Haltung – Was systemisches Arbeiten im Kern ausmacht“ von Manuel Barthelmess, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 2016
Im Seminar „Systemische Beratung“ bei Kristina Ehret und Kerstin Schmidt vertiefe ich meine Beratungs- und Coachingkompetenz.
Nach zahlreichen einzelnen Seminarblöcken zu Coaching Grundlagen, zur Vertiefung und Erweiterung des Methodenkoffers und last not least zum Coaching nach dem Zürcher Ressourcenmodell gönne ich mir eine Seminarreihe in einer festen Gruppe über ein ganzes Jahr – oder länger, wenn Corona unsere Terminplanung durcheinanderbringt.
Im ersten Block erkundeten wir im Seminar die systemische Haltung. Dazu nun diese Lektüre von Manuel Barthelmess.
Das Schöne an diesem Buch ist, wie es mich mit Anregungen dazu bringt, vorhandenes Wissen neu zu verknüpfen und tiefer zu verankern.
Die einzelnen Kapitel beleuchten unterschiedliche Aspekte systemischer Grundhaltung. Ich erkenne wieder, was ich erlebt und gelernt habe – und stelle es in einen neuen Zusammenhang.
Jedes Kapitel schließt mit einer Selbstreflexion und/ oder mit Vorschlägen zu Übungen, die teils auch in der Beratungspraxis angewandt werden können.
Spannend im ersten Teil: Neben Methodenkenntnis, Haltung und Erfahrung zeichne sich die Beraterpersönlichkeit durch künstlerische Fähigkeiten aus. Dies impliziere zum einen, dass mehr als Lernen und Üben dazu gehört, systemisch beraten zu können. Es gelte daneben, die Fähigkeit inneren und äußeren Inspirationen zu folgen, auszubauen und diese Inspirationen mit dem Klienten zu teilen.
Gleichwohl ist dieser künstlerische Moment nicht angeborene Fähigkeit oder Zufall, sondern kann reflektiert werden, bedarf der bewussten Praxis.
Die künstlerischen Impulse sind:
- Das Ausrichten von Aufmerksamkeit.
- Um das zu verdeutlichen, schau einmal die Fotos unten auf dieser Seite an.
Mein Balkon. Ein Schopflavendel, den mir meine großartige Tochter geschenkt hat. Home & Garden verschönern ist so wichtig in Zeiten von Corona. Den kann ich anschauen, mich freuen und genießen. Oder ich kann mich in meinen Hängesessel setzen und die Seele baumeln lassen. Oder ich schaue darüber hinweg auf das gegenüberliegende Mietshaus. Das wird sicher keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Manchmal wünsche ich mir da einen weiten Ausblick auf den Park dahinter. Immerhin ist da noch ein Baum, so habe ich also doch einen „Blick ins Grüne“. Und dann wohnen dort in dem Mietshaus Nachbarn, die ich nicht kenne. Nachbarn, die seit mehr als einem Monat regelmäßig mit mir abends um 21.00 Uhr auf dem Balkon stehen und für Solidarität klatschen. So machen wir uns Mut. Wäre da nur ein grüner Park, wer würde mir dieses Miteinander in der Corona Isolation vermitteln?
- Und nun der Klient in der Beratungssituation. Er/ Sie kommt und berichtet von einem Problem (z. B. der unbefriedigenden Wohnsituation). Er/ Sie fokussiert darauf und die Aufmerksamkeit beeinflusst das Befinden negativ. Gelingt es mir nun als Berater, die Aufmerksamkeit zu erweitern, so dass positive Aspekte der Wohnsituation als Bereicherung erlebt werden können?
- Barthelmess bezeichnet diese Wechselwirkung zwischen Klient und Berater als hypnotisch. Wichtig scheint mir die Warnung, dass der Berater sich bei allem Verstehen-Wollen nicht unreflektiert in die „Problemtrance“ des Ratsuchenden hineinziehen lassen darf. Sonst drohe „eine völlige Übereinstimmung und das Gefühl von viel Verständnis“ jedoch begleitet von „totaler Ratlosigkeit“.
- Ein wirksames Mittel der inneren Distanzierung kann das Spiegeln und Aufbrechen der Körperhaltung des Klienten sein (Zusammensinken/ Aufrichten)
- Um das zu verdeutlichen, schau einmal die Fotos unten auf dieser Seite an.
- Das Kreieren von Geschichten
- Sprache schafft Wirklichkeit. Sprache repräsentiert Erfahrung und prägt wiederum die Erfahrung durch Sinneseindrücke. Sprache be-deutet Wirklichkeit.
- Neue Bedeutungen anbieten oder eröffnen ist der zweite künstlerische Aspekt. Dies kann durch zirkuläre Fragen angeregt werden (Wie würde xy die Geschichte erzählen?), durch Bedeutungsangebote (Angenommen, jemand sieht die Situation so…- welchen Unterschied macht das?)
- Wichtig ist hier, beim offenen Angebot zu bleiben und diesem auch Zeit zu geben, sich im Alltag des Klienten zu entwickeln.
- Das Gestalten von Kontexten
- „Die Umweltwahrnehmung eines Klienten ist streng genommen immer Selbstwahrnehmung…Informationen aufzunehmen und nutzbar zu machen stellt also eine interne Leistung der Einheit dar“… Der Berater bietet nun tentativ neue Informationen an, basierend auf dem, was er im Äußeren vom Klienten wahrnimmt: sprachliche Berichte, Bilder, Aufstellungen, entwickelte Symbole, Körperhaltung…Mit einer neuen Information lässt der Berater einen „Versuchsballon“ steigen – ob der Klient diesem mit seinem Blick folgt oder gar einsteigt, bleibt ihm überlassen. Der Berater beobachtet die Reaktion und prüft, ob der Ballon Relevanz für den Adressaten hat.
- Anschaulich hier der Vergleich zum Fußballtrainer: Er plant Aufstellung und Taktik, aber die Wahrheit liegt auf dem Platz.
- Welcher künstlerische Aspekt liegt dir selbst am meisten? Wo siehst du darin eine Stärke? Welcher Aspekt ist dir eher fern? Welche Entwicklungs-möglichkeiten bietet der Versuch, diesen Aspekt zu integrieren?
Schreib mir doch in den Kommentar, welche Kunst dir besonders gut gelingt und wozu dich dieser Artikel anregen konnte.

